Abschiedsworte für Verena Hadorn Kilchenmann

Kirche Höngg, 14. Juli 2006

 

 

Lieber Herr Kilchenmann

 

Liebe Trauerfamilie

 

liebe Trauergäste

 

 

Was sagt man angesichts einer Tatsache, mit der man sich nur schwer abfinden kann, die einem nicht in den Kopf will und bei der sich -gewollt oder ungewollt - die Sinnfrage stellt?

 

Nichts?

oder hadert und zürnt man?

oder gibt man sich der Verzweiflung hin?

 

Alle diese Reaktionen scheinen mir menschlich und allzu verständlich – an der bitteren Tatsache ändern sie aber nichts. Doch Gefühle lassen sich auch verarbeiten, wenn man innehält und zurückblickt.

 

Ich kann dies bei Verena Hadorn weder aus der Sicht ihrer Schülerinnnen und Schüler, noch aus der Sicht ihrer Lehrerkolleginnen und –kollegen tun, ich möchte auch nicht als Schul­leitungs­mitglied einer der beiden Schulen, an der Verena Hadorn am längsten unterrichtet hat, etwas aussagen, sondern ich will einige Worte im Gedenken an Verena beibringen, die auf unseren sporadischen Begegnungen im Schulhaus oder am Mensatisch beruhen. Meist schlossen sich längere Gespräche daran an.

 

Wenn ich mir heute überlege, was nur schon die Nennung des Namens "Verena Hadorn" bei mir an Vorstellungen auslöst:
dann sicher zuerst eine markante Kopfbewegung, der die Haare folgen,

sodann blitzende blaue und lebhafte Augen, die mich anleuchten,
und ein heitere Aura, die mir das Gefühl gibt, unsere Unterhaltung sei eingebettet in ein Gefühl des Vertrauens und darum wichtig und richtig. Dass der deutliche Berner-Dialekt diese freundliche, 'gmögige' Atmosphäre noch verstärkt, sei zugegeben.

 

Verena Hadorn war Musikerin und Lehrerin durch und durch, interessiert an klassischer wie auch an zeitgenössischer Musik. Mit glänzenden Augen konnte sie von Unterrichtssequenzen, von gelungenen Motivierungen von Schülern, aber auch über schwierige Fragen, die sie beschäftigten, erzählen.
Sie wirkte gerne in Konzerten mit und bereitete ihre Schüler/-innen immer mit vorbildlichem Einsatz auf Konzerte und Prüfungen vor. Stolz war sie, wenn etwa an einem Schülerkonzert eine ganze Querflötengruppe von ihr auftreten konnte, und so offenkundig wurde, was sie in ihrem Unterricht erreichte.
Immer aber hatte ich den Eindruck, dass sie bei dem, was sie tat, völlig mitlebte  und unterstützend und selber aktiv das gesteckte Ziel erreichen wollte.

 

Sie hatte hohe Ansprüche,  - und zuerst einmal an sich selbst. So hat sie sich auch eingegeben in das weitere Schulleben und mit einer vorbildhaften Selbstverständlichkeit bei Schulpro­jekten, Aufführungen und weiteren Aktivitäten mitgemacht, auch solche iniziiert und sich immer zielstrebig eingesetzt.

 

Sie war eine kraftvolle, lebensbejahende Frau, die auch die anderen mitziehen wollte und immer für diese anderen offen und freundlich-heiter zugeneigt war. Diese Lebensfreude, ja der grosse Lebenswille, diese innere Stärke zeigte sich mir auch immer wieder in den Gesprächen, die wir häufiger pflegten, seit ihre Gesundheit das erste Mal bedroht war. Nach aussen wollte sie diese Bedrohung möglichst nicht merken lassen. Sie selber hat sich ihr aber bewusst gestellt: Es lag etwas Kämpferisches, Resolutes und doch auch bescheiden Akzeptierendes in ihrer Haltung, das mich tief beeindruckt hat. Sie wollte ihre Krankheit nicht ausblenden, sondern über die Akzeptanz hinaus das Leben bejahen und sie so niederhalten oder sogar besiegen.
Wieviel geduldig ertragener Schmerzen und Rückschläge hat sie im Laufe der Zeit verkraftet – und hat doch stets in die Zukunft geblickt, mit Eifer und auch Hartnäckigkeit ihre Anliegen und ihre Aufgaben weiter verfolgt!

 

Auch wenn es schmerzt, möchte ich Ihnen mein letztes Telefon mit Verena nicht vorent­halten: Beim Telefon ins Universitätsspital war zuerst die Stimme von Verena da – so wie man sie kannte, unverwechselbar, vielleicht etwas schwächer als gewohnt. Im Laufe des Gesprächs erzählte sie mir dann auch eine kurz zurückliegende Episode, wie eine Art Krampfader in der Speiseröhre geplatzt sei und sie viel Blut erbrochen habe – und wie es zur Frage des Pflegepersonals gekommen sei, ob sie noch operiert werden wolle. Das sei keine Frage gewesen, sie wolle kämpfen – um dann – etwas leiser – anzufügen, im Moment sei sie nicht mehr so sicher, ob der Entscheid richtig gewesen sei – aber es sei eben ihre Grundhaltung.

Ich sass noch einige Zeit nach dem Telefon berührt, bewundernd und gerührt am Pult.

 

Wir können Verena nicht zurückholen – aber wir können sie in der Erinnerung für uns lebendig werden lassen und uns berühren lassen von Ihrer Hingabe an Ihre Aufgabe, von Ihrer Offenheit zu Ihren Mitmenschen und Ihrer grossen Liebe zum Leben.

 

So jedenfalls wird sie mir weiterleben und – da bin ich sicher – uns allen in Erinnerung bleiben. Wir werden Verena nicht vergessen, wir danken Ihr für all das, was sie den Einzelnen je hat mitgeben können.