Zartes Tastenballett: Urs Egli
azn. Der Pianist Urs Egli hat ein Verantwortungsbewusstsein den
Partituren gegenüber, das selbstverständlich sein sollte, es aber
leider nicht immer ist. Die Internationale Gesellschaft für Neue Musik
Zürich hat dem Eigenwilligen im Radiostudio Zürich eine Carte blanche
für ein Programm angeboten. Für zwei kürzere Werke - Raritäten - tat
er sich mit der ebenso bewusst und kreativ gestaltenden Flötistin
Verena Hadorn zusammen. Kaum je wird Kammermusik von René Leibowitz
gespielt, dabei ist beispielsweise seine dreisätzige «Sonate pour
Flûte et Piano» op. 12A (1944) mit einer Konsequenz und
kompositorischen Makellosigkeit geschrieben, die einen unmittelbar
packt; das ist Musik von höchster Qualität. Auf demselben Niveau, doch
völlig anders, sind Bruno Madernas farbig-abwechslungsreiche
«Honeyrêves» komponiert. Beide Werke umrahmten das dreiviertelstündige
Klaviersolo «Triadic memories» (1981) von Morton Feldman, einem
Komponisten, der Egli besonders am Herzen liegt. Endlich hörte man das
Werk im richtigen Tempo - was es teilweise erstaunlich leicht,
tänzerisch, virtuos klingen liess. Aus einem raffinierten Klaviersatz
- gleichsam ein zartes Tastenballett - entstehen die unglaublichsten
Farben, die Egli in der leisen Dynamik dieser Musik wunderbar zum
Blühen brachte. Die «Triadic Memories» haben nichts von ihrer Frische
und Neuheit verloren, im Gegenteil: So interpretiert, ist das grosse,
aktuelle Musik.
Zürich, Radiostudio, 29. Juni.
Neue Zürcher Zeitung, Ressort Zürcher Kultur, 2. Juli 2001, Nr.150, Seite 34