Freitag, 14. Juli 2006, 14.00 Abdankung ref. Kirche Zürich-Höngg 

Frau Verena Hadorn Kilchenmann        Brunnwiesenstrasse 37, 8049 Zürich                                      24.08.1948 - 05.07.2006 / 57J 10M 12T

Predigt: Johanne 3,8

Liebe Trauerfamilie, liebe Mittrauernde

Lieber Herr Kilchenmann, Sie haben zum Ausdruck gebracht:

„Verena wieder lebendig zu machen - das ist das Hauptthema der heutigen Trauerfeier.

Und alle, die heute da sind, tragen mit ihren intensiven Beziehungen zu Verena und mit ihren Erinnerungen dazu bei!“

 

Dies ist gelungen durch die schöne Musik, die würdigenden Worte von Herrn Baumgartner und durch die Anwesenheit vieler Freunde und Verwandte.

 

Menschliches Leben gemeinsam zu würdigen ist im Sinne unseres Schöpfers, der unser Leben liebt. Dies ist in der Stunde des Abschieds auch Trost. Sich hier gemeinsam zu versammeln und ein Stück des erfahrenen Leids zu teilen tröstet.

 

Wir teilen aber auch die vielen guten und kostbaren Erinnerungen. Einige davon haben Sie als Ehepartner auf Grund Ihres langen gemeinsamen und guten Weges notiert. Sie erzählen:

„Der Flötist Urs Lehmann hat 1969 mit einigen seiner besten Schülern einen Ferienkurs in Rompon in der Ardèche durchgeführt. Dort haben sich unsere Wege erstmals gekreuzt - am Ende der zwei Wochen waren wir verliebt, und seitdem sind wir gemeinsam und mit stets wachsender Nähe durchs Leben gegangen.

 

Wir haben beschlossen, beide etwas anderes zu studieren, um uns später nicht zu langweilen. Sie hat sich für die Flöte, ich für die Wirtschaft entschieden. Sie studierte in Basel und Paris, ich in St. Gallen.

 

Und 1975 haben wir uns für Zürich als unser Lebenszentrum entschieden - zuerst in je verschiedenen Zimmern als Untermieter, dann in einer Musikerwohnung im höchsten Hochhaus der Stadt, die uns nur "im Hinblick auf eine spätere Heirat" vermietet wurde, und ab 1989 im gemeinsamen Haus in Höngg.

 

Ein grosses Glück war, dass einer der Pianisten Verenas in diesem Haus die Parterrewohnung gemietet hat und bewohnt. Das hat Verenas Weg zur musikalischen Wahrheit jeweils massiv verkürzt, und wenn sie in ihren ungezählten Konzerten so klar und intelligent gespielt hat, dann hat er einen grossen Anteil daran.

 

Von den unzähligen Konzerten waren die meditativsten Erlebnisse die Aufführungen von Morton Feldmans "For Christian Wolff" für Flöte, Celesta, Klavier, das jeweils drei pausenlose Stunden gedauert hat, und "For Philip Guston" für Flöte, Schlagzeug, Klavier, das jeweils fünf pausenlose Stunden gedauert hat, und die Zuhörer haben jeweils gehofft, diese Stunden möchten endlos sein.

 

Verenas Leidenschaft neben der Musik war die Architektur. Für den nach den Sommerferien geplanten Bildungsurlaub hat sie sich ein spannendes Architekturstudium zusammengestellt. Und die Bauführung, die sie zusammen mit dem Architekten beim Umbau unseres Hauses übernahm, war eine sehr praktische und nachhaltige Umsetzung dieser Leidenschaft.

 

Dieses Haus war auch endlich der gute Anlass, um zu heiraten. Dieser Herbsttag hat sich mit seinem intensiven strahlenden Föhn intensiv ins Gedächtnis der grossen Gesellschaft eingebrannt. Und gespielt haben uns an diesem Tag der genannte Pianist und die Geigerin, die uns heute auch wieder spielt.

 

Unbegreiflicherweise ist unser Haus 1896 auf ein Mini-Grundstück gebaut worden. Durch den Garten konnten wir deshalb nur in Einer-Kolonne gehen. Als deshalb Verena auf dem Nachbar-Grundstück Verkaufs-Verhandlungen erlauscht hat, hat sie blitzschnell gehandelt und dafür gesorgt, dass wir die Käufer dieses Landes mit seinem Biotop sein konnten. Das Schwimmbad, das wir wegen seiner bürgerlichen Ausstrahlung sofort zuschütten wollten, hat Verena mit ihrer grossen Liebe zum Wasser nach dem ersten Schwimmen aber sofort ins Herz geschlossen und seither fast täglich benützt.

 

Wir wollten die Aussicht auf Berge und See und die Möglichkeit, von frühmorgens bis spätabends musizieren zu dürfen, in eine ruhigere Umgebung verlegen. Dies war dank dem Haus in Höngg möglich.

 

Wir wollten uns ein Leben mit dauerhaften Freundschaften aus ganz verschiedenen Lebenskreisen machen. Das war zum Glück machbar. Und zu diesen dauerhaften Freundinnen und Freunden gehören auch die ganzen grossen und zahlreich anwesenden Familien Verenas und von mir.“

 

Ihre Zeilen sprechen von Wertschätzung und Liebe. Wer das Leben und die Menschen um sich liebt, möchte das Gute für immer festhalten und ihm den Charakter des Bleibenden und Ewigen verleihen. Wer von uns möchte nicht ewig jung bleiben?

 

Doch leider gehört zum Leben auch das Sterben, zur Liebe der Abschied und zur Machbarkeit des Glücks auch das Schicksal und die Grenze: Krankheit nicht heilen zu können. Sie beschreiben diese Grenze:

„Die Wanderungen, die wir gemeinsam mit Freundinnen und Freunden und auch zu zweit häufig unternommen haben, sind in letzter Zeit kürzer, dafür intensiver geworden.

 

Trotz dem Brustkrebs, der 1999  diagnostiziert und operiert wurde, gemeinsam durchs Leben zu gehen, war leider nur zum Teil machbar.

Der Tod Verenas ist eine heftige Erschütterung unseres gemeinsamen Machbarkeitsglaubens.

 

Die Projekte, das Schwimmbad zu beheizen und so fast ganzjährig zu benutzen, und das Dach auszubauen und die grossartige Aussicht so ins Haus hereinzunehmen, bleiben nun unerledigt liegen.

 

Viel Liebe von Verena steckt in unserem Garten - sie hat ihm mit viel Energie und Arbeit den Charakter des wilden Gartens geprägt. Dieser Garten droht nun zu verwildern.“

 

Liebe Trauernde

Wenn ein blühendes Leben erlischt, das wir geliebt haben, und man es nicht abwenden kann, schmerzt dies tief. Zur erlebten Ohnmacht gehören Gefühle des Zorns, der Enttäuschung und der Wut über das Unverständliche und die harte Sprache der Realität. Diese Erfahrung lässt sich nicht mehr in die Lebensphilosophie der Machbarkeit einordnen.

 

Für die aufbrechenden Fragen gibt es weder eine profane noch eine religiöse Antwort. Denn der schmerzliche Abschied betrifft nicht nur den Intellekt, sondern trifft uns im Herz. Hier sind wir verwundet und verunsichert. Hier trauern und weinen wir, sei es offen oder im Stillen ganz leise für uns selbst.

 

In dieser Lage haben Sie nach dem neuen Testament gegriffen und sind im Johannesevangelium auf einen Vers gestossen, der etwas Trost vermittelt hat. Das hat mich beeindruckt.

 

Da heisst es nach der Lutherübersetzung 1945:

„Der Wind bläset wo er will

und du hörest sein Sausen wohl

aber du weisst nicht von wannen er kommt

und wohin er fähret.“

 

Diese Zeilen sprechen von einer höheren Kraft, von Gott, und verwenden dabei das Bild des Windes, der bläst. Der Wind ist eine gewaltige Naturkraft, die Stürme und Orkane herbeiführt und zugleich fein und zart wie eine kühlende Brise sein kann. Bezwingen lässt sich weder der Sturm noch die feine Brise. Wir können den Wind nur richtig nutzen und die Segel eines Schiffes optimal in den Wind setzen. Zugleich dürfen wir den gebotenen Respekt vor dem Sturm nicht verlieren.

 

Dieses Bild eröffnet uns über die Machbarkeit hinaus eine weitere Lebensdimension. So sehr der Glaube an das Machbare und Mögliche im Leben wichtig ist und Anlass zur Hoffnung und Freude gibt, so sehr ist auch die weite Dimension, die unserem Eingriff entzogen ist, worüber wir nie verfügen können, lebenswichtig und zugleich befreiend.

 

Sie schreiben, dass „die Vorstellung des Sterbens für Verena nie schrecklich war. Sie hat damit (auf Grund einer Erfahrung) nicht die Vorstellung eines Endes, sondern eines Hinübergehens verbunden.“

 

Beide Aspekte, den Aspekt der Machbarkeit, des Planens und Gestaltens, und den Aspekt der weiten göttlichen Dimension, haben mich an den Garten Ihrer Frau erinnert. Bei keinem bisherigen Trauergespräch haben mich die Angehörigen durch Garten und das umgebaute Haus geführt. Ich war zunächst erstaunt, doch mit der Zeit begann ich zu verstehen.

 

Verena Hadorn hatte einen „wilden Garten – nicht einen verwilderten“, einen wilden. Den Unterschied zu einem gezähmten Ziergarten begriff ich sofort. Doch was sollte der Unterschied zum verwilderten Garten sein? Einmal entdeckte ich eine innige Verbindung zwischen dem Ordnen und Gestalten einerseits – sie investierte viel Zeit in den Garten –  und anderseits dem freien Lauf der Natur mit seiner Dynamik. Der Garten ist ein Miteinander von alten Johannes- und Stachelbeerstöcken und zugleich jungen Reben. Es ist ein Ineinander von grossen wilden und schön blühenden Brennnesseln und süssen Himbeeren, die zum geniessen reif sind.

 

Das Machbare und das Wilde, das Kontrollierte und das Dynamische sind untrennbar im Konzept dieses Gartens miteinander verwoben. Entstanden ist eine neue Harmonie oder ein Wechselspiel der Kräfte.

 

Genau diese Aufgabe ist auch uns heute, da wir von Verena Hadorn Abschied nehmen müssen, gestellt. Beide Seiten des Lebens versöhnend zu verbinden, die Erinnerung und Dankbarkeit für das Gute einerseits und anderseits das Annehmen ihres Schicksals, einer Krankheit, die nicht zu bezwingen war, das ist die harte Arbeit, die man in der Phase des Trauerns zu bewältigen hat.

 

Gelingt dies, dann können wir das vergangene Gute und schöne als süssen Schatz in unserem Inneren bewahren. Gelingt es nicht, wird es bitter.

 

Der Vers, „Der Wind bläset wo er will und du hörest sein Sausen wohl aber du weisst nicht von wannen er kommt und wohn er fähret.“, spricht von Menschen, die es verstehen, nicht nur sich und das Leben in eigenen Händen zu haben, sonder sich auch vom Wind Gottes bewegen und führen zu lassen.

 

Orientierung darin ist Jesu Vorbild. Er hatte das Leben sehr im Griff. Während der Zeit seines öffentlichen Wirkens bewunderten ihn viele wegen seines Erfolges. Vielen Menschen war er eine wegweisenden Hilfe und manche empfingen gar Heilung von ihm.

 

Aber am Schluss seines Lebens als die Feindschaft zunahm und die Wogen des Schicksals über ihn hereinbrachen, entglitt das Leben seinen Händen. Er teilte mit uns die Ohnmacht und wünschte, dass sein Leidenskelch an ihm vorbei ginge. Am Kreuz betete er neben dem Schrei „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?!“, die letzten Worte: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“

 

Unser Leben und unseren Weg in die Hände Gottes zu legen und sich dem Wind anzuvertrauen ist nicht einfach. Und doch ist es letztlich hilfreich, tröstend und ermutigend. Ja noch mehr: Es versöhnt uns mit allen Dimensionen des Lebens, mit dem unvergesslich Guten, dem schweren Schicksal, dem menschlichen Versagen und den grossen Veränderungen und Wandlungen unseres Lebens – wie der Tod eines Ehepartners –, die wir nie wünschten.

 

Auf diesem Weg wünsche ich uns allen Gottes Segen.